30.10.2003 Vogtland-Anzeiger

ABENTEUER-REISENDE ANJA UND REIKO SIND WIEDER ,,SESSHAFT'' GEWORDEN

 

Die Sehnsucht nach der Ferne bleibt

 

VON EKKEHARD GLASS

,,Auf geht's - Mit dem Zelt durch Südamerika'' heißt der abenteuerliche Reise-Bildband, der vergangene Woche beim Vogtland-Verlag Plauen erschienen ist. Autoren sind die junge Chemnitzerin Anja Wolf und ihr Falkensteiner Freund Reiko Dürr. Knapp ein Jahr lang, vom 11. Januar bis 19. Dezember 2002, waren die zwei Rucksacktouristen quer durch Südamerika unterwegs. Unsere Zeitung hatte vor Jahresfrist die Reise der beiden Abenteurer mit einer 43-teiligen Serie begleitet.

FALKENSTEIN - Erinnern Sie sich noch, liebe Leser, an die aufregenden Erlebnisse von Anja und Reiko? Via E-mail hatten die beiden Outdoor-Touristen, die für ihr großes Abenteuer alle Zelte in der Heimat abgebrochen hatten, in unserer Zeitung fast ein Jahr lang regelmäßig per Bild und Text von ihrer Reise berichtet. Tausende Leser hatten die Serie im Vogtland-Anzeiger mit Spannung verfolgt; kämpften sich mit den beiden Autoren auf den Gipfel des Cotopaxi, des höchsten aktiven Vulkans der Welt, stiegen mit ihnen und den Shuar-Indianern hinab in die geheimnisvollen Tiefen der Tayunts-Höhle, staunten über eindrucksvolle Inka-Ruinen genauso wie über fantastische Naturentdeckungen auf den Galapagos-Inseln oder litten mit, wenn es schien, dass wieder einmal Bürokratie, Korruption oder Krankheiten die zwei zur Aufgabe zwingen wollten. Was ist eigentlich heute, nach fast einem Jahr zurück in der ,,Zivilisation'', aus Anja und Reiko geworden?

Die Hochzeit steht

noch aus

,,Nun, wir sind nach Einsiedel gezogen, haben dort jetzt eine gemeinsame Wohnung. Der Heiratsantrag, den mir Reiko auf dem Gipfel des Cotopaxi machte, steht noch, doch bisher hat uns für eine Hochzeitsfeier schlicht das nötige Geld gefehlt'', erzählt Anja im Gespräch mit unserer Zeitung in einer Unterrichtspause. Denn die junge Frau ist mittlerweile als Dozentin in der Erwachsenenqualifizierung tätig und unterrichtet derzeit an einem Auerbacher Bildungsinstitut Betriebswirtschaft. Schließlich hat die Chemnitzerin ja ein Diplom als Kauffrau in der Tasche. ,,Die Dozententätigkeit, mit der ich mich ein paar Monate über Wasser hielt, mache ich jetzt nur noch nebenbei. Ich bin glücklich, dass ich jetzt nach langem Suchen eine feste Anstellung im Marketingbereich einer Chemnitzer Firma bekommen habe und so auch in meinem erlernten Beruf tätig sein kann. Das war mir wichtig'', erzählt Anja. Und auch Reiko hatte Glück, nach einigen vergeblichen Anläufen gelang es ihm, seit 1. September wieder in seinem alten Beruf als Heizungsbaumeister tätig zu sein. ,,Bei einer Glauchauer Firma bin ich da für den Solarbereich zuständig'', lässt er am Telefon wissen.

Die Zeit von ihrer Rückkehr bis zum Wiedereinstieg ins ,,,geregelte'' Berufsleben sei dennoch sehr arbeitsreich, spannend, aber manchmal auch frustrierend gewesen. ,,Ich denke, eins unserer größten Probleme war, uns wieder daran zu gewöhnen, dass man hier in Deutschland jede Menge Geld braucht, um überhaupt wieder Fuß fassen zu können: Möbel, Miete, Auto, Versicherungen, Krankenkasse und und und. Wie unbeschwert hatten wir in dieser Beziehung in Südamerika gelebt'', berichtet Anja. Mit Dia- Vorträgen über ihre Reise schlugen sie sich da finanziell mehr schlecht als recht durch die ersten Monate. ,,Jetzt, wo wir wieder einer geregelten Arbeit nachgehen, dementsprechend auch wieder regelmäßige Einkünfte haben, muss ich sagen, dass das schon sehr beruhigt'', meint Reiko. Beide haben gespürt, dass die lange Reise und der ungezwungene Aufenthalt in Südamerika sie verändert haben. ,,Was uns beide enger zusammengeschweißt hat, hat uns offenbar von unseren Mitmenschen etwas entfremdet, den engen Familien- und Freundeskreis einmal ausgenommen'', resümiert Anja. Beiden falle auf, dass viele Menschen sie und ihre Weltsicht nicht mehr verstehen könnten und umgekehrt merken sie, dass sie mit den Wert- und Lebensvorstellungen so mancher Zeitgenossen nicht mehr mitkommen. Anja: ,,Die Reaktionen der Leute auf uns und unseren einjährigen ,Ausstieg' sind sehr differenziert: Das reicht vom bewundernden Schulterklopfen bis zum gehässigen Vogelzeigen''.

Auch wenn sich das Paar sicher ist, dass es seine ,,bürgerliche'' Existenz für ein solches Abenteuer nicht noch einmal aufs Spiel setzten will, das Fernweh bleibt. Der Slogan ,,Auf geht's'' - Titel ihres Buches und ihrer Vortragsreihen - ist eben zu ihrer Lebensmaxime geworden. ,,Natürlich vermissen wir diesen unwahrscheinlichen Freiheitsrausch. Ich denke Reiko noch mehr als ich'', sagt Anja. Und Reiko ergänzt: ,,Immer wieder blättern wir in unserem Tagebuch, schauen nach, wo wir da gerade vor einem Jahr waren und geraten ins Träumen.'' Doch auch wenn sie jetzt ,,sesshaft'' geworden sind, so oft es geht, wird das Zelt eingepackt und es geht hinaus in die Natur. Und wenn sie wieder einmal die große Sehnsucht nach Südamerika packt, dann können sie nun sogar zu ihrem eigenen Buch greifen. Denn die Zeit bis zu ihrem Wiedereinstieg ins Berufsleben haben sie nicht untätig verstreichen lassen. Sie war sehr arbeitsreich. ,,Über ein halbes Jahr lang haben wir intensiv an unserem Buch gearbeitet, haben die Texte geschrieben und aus 7000 Fotos 500 Bilder ausgewählt, die Verwendung fanden. Auf das Ergebnis sind wir durchaus stolz'', erzählt Reiko.

Spannendes Buch

geschrieben

Mit Recht, denn der attraktive Bild- und Textband kann sich wahrlich sehen lassen. Auf 224 Seiten nehmen Anja und Reiko den Leser auf insgesamt 45 Touren mit: von Venezuela im Norden bis hinunter an den Südzipfel nach Feuerland. In teils brillanten Farbfotos und in informativen sowie spannenden und unterhaltsamen Text-Beschreibungen zeichnen die beiden Rucksacktouristen ein lebendiges und beeindruckendes Bild von Südamerika. Ihre Tour-Beschreibungen, gespickt mit Tipps zu Sehenswürdigkeiten und Highlights in Fauna und Flora, eignen sich übrigens nicht nur für Extrem-Touristen, sondern auch für die breite Masse, die diesen faszinierenden Kontinent einmal als Urlauber kennen lernen will. Übrigens: Keine geringere als Schriftstellerin Isabel Allende (,,Das Geisterhaus''), die Nichte des 1979 bei einem Militärputsch erschossenen chilenischen Präsidenten Salvator Allende, hat das Grußwort zum Buch geschrieben. Der unter der ISB-Nummer 3-928828-23-1 beim Vogtland-Verlag erschienene Bildband kostet 29,90 Euro und ist im Buchhandel sowie direkt bei Anja und Reiko unter der Internet-Adresse ,,www.reiko-und-anja-de.'' zu haben. Wir meinen: ein tolles Weihnachtsgeschenk! Einen weiteren Dia-Vortrag zu Anjas und Reikos Südamerika-Tour gibt es am 16. November um 19 Uhr in Grünbach im ,,Bayerischen Hof''.

 

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