Französisch
Reunion – eine kleine Insel im Indischen Ozean
Fast ein Jahr planen wir einen Rumänienurlaub. Drei Tage vor der
Abreise bekommen wir einen günstigen Flug nach Franz. Reunion im Indischen
Ozean. Unser Bärenabwehrspray können wir zu Hause lassen. Das einzige was
bleibt ist der Buchstabe „R“ wie Rumänien. Im Eiltempo zerlege ich die
Fahrräder auf Verkaufskartongröße. Die sollen uns fünf Wochen als
Fortbewegungsmittel dienen.
Alle Ziele steuern wir per Rad an und schlafen 33 Nächte
ausschließlich in unserem gut bewährten Südamerikazelt. Auf meinem Rad sitzt in
einem Kindersitz noch ein kleiner Faulpelz der gerade 14 Monate alt ist.
Reunion ist eigentlich ein Vulkangebirge. Der höchste erloschene
Vulkan ist der Piton des Neiges. In drei riesigen Calderas (eingestürzte
Kraterkessel) ist der nichtaktive Teil der Insel strukturell aufgeteilt. Einer
der aktivsten Vulkane der Welt befindet sich im Osten. Allein im letzten Jahr
brach der Piton de la Fournaise drei mal aus. Die Lava erreichte sogar das Meer
und ergoss sich in die Fluten.
All diese Berge wollten wir erwandern. Für den Babytransport in der
Kraxe war Anja zuständig. Sie balancierte Ari zehn Tage am Stück von Berg zu
Berg. Den Sonnenaufgang bei fünf Grad unter Null um 5:00 Uhr erlebten wir am
Gipfel des 3071 Meter hohen Piton des Neiges. In zwei Schlafsäcke eingemummelt
lacht unser Ari den Berg hinunter. Der Schatten des Vulkans wird in die
dahinter liegenden Wolken projiziert. Einfach genial.
Unser MSR Kocher muss auf dieser Tour Nuckel, Stoffwindeln und
Milch kochen. Das sind Dinge, die er noch nie getan hat. Keiner von uns weiss,
ob er das überhaupt kann. Im Schlafsack trocknen wir, statt wie sonst unsere
Handschuhe, Stoffwindeln. Die Bergtour mit Baby funktioniert, weil wir die
Tagesetappen nicht zu hoch ansetzen und viele Spielpausen einlegen. Noch nie
waren wir in den Bergen ohne Zeitdruck unterwegs. Eine ganz neue Erfahrung für
uns.
Den Vulkan Fournaise, zur Zeit gerade mal nicht aktiv, versuchten
wir wegen der fast ständigen Monsunbeeinflussung und der damit verbundenen
Nieselwolkenflut zwei mal zu besteigen. Nur die letzten einhundert Meter
oberhalb 2500 Meter waren wolkenfrei. Nur wir haben uns durch die Wolkensuppe
an den dampfenden Kratern vorgewagt. Weil niemand hier oben mit freier Sicht
gerechnet hat, waren wir ganz allein. Unheimlich brodeln die schwarzen Löcher
und irgendwelches Grollen hört man fast immer. Schwefeldampfsäulen steigen auf
und bilden Wolken über den Wolken. Wir umrunden die zwei Krater, aber mit
ungutem Gefühl. Das wir hier oben bei einer eventuellen Eruption gebraten
werden könnten, verdrängen wir lieber aus unseren Köpfen.
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir unser Zelt.
Generalbabypflege ist notwendig. Aber der kleine Geist strahlt immer noch, auch
wenn die Windeln schon übervoll sind. Wir kommen zu der Erkenntnis, das alles
auch noch mit Kind möglich ist.
Uns fallen Worte aus dem Buch „Das Schneekind“ von Nicolas Vanier
ein. „Man sorgt sich wegen der vermeintlichen
Gefahren, die...drohen, man fragt aber nicht... nach den möglichen
Folgen stundenlanger Fernsehberieslungen, der die Kinderheute schon in sehr
jungen Jahren ausgesetzt sind. Nein! Die Natur ist kein feindliches Milieu,
nicht einmal bei 40 Grad Kälte.“ - Er schreibt uns aus der Seele. Wir sind aber
trotzdem froh, das wir nur wenige Minusgrade haben.
Nach der langen Bergtour genießen wir noch zehn Tage Strandfeeling
mit Riesenwellen von bis zu sechs Metern Höhe und die Unterwasserwelt mit
Schnorchel und Taucherbrille. Zwischendurch geht es noch einmal zum Gipfel des
Grand Benare (2898 Meter) um uns von der Bergwelt von Reunion zu verabschieden.
Damit haben wir die drei höchsten Gipfel der Insel erradelt und erwandert, alle
von Meereshöhe Null, mit Kleinkind und unserem kleinen Zelt als Basis. Unser
Ziel, die höchsten Erhebungen auf Reunion im Indischen Ozean zu erklimmen haben
wir uns erfüllt, sogar mit Baby Ari.