Überfall: Vogtländer hatten eine unerwartete Begegnung in der Hohen Tatra (Vogtlandanzeiger 11/2001)

 

 

Viele Tatra-Liebhaber schwärmen immer wieder von der herrlichen Berglandschaft. Und wir, Uwe Richter, Anja Wolf und ich (Reiko Dürr) haben uns Anfang Oktober diesen Jahres auch wieder einmal ins slowakische Schwarzbierland begeben. Wir wollten unseren lang erträumten Berg, das Zabi-Kon besteigen. Doch nicht alle Anläufe führen zu einer erfolgreichen Klettertour. Diesmal gab es verschiedene Gründe die Kletterpartie am Reitgrat wieder abzubrechen.

Es gibt aber eine kleine Geschichte zu berichten, die nicht alltäglich ist.

 

Zwei Stunden nach der Ankunft in Strebske Pleso errichteten wir unser Nachtlager auf der Hotelterrasse am Popradske Pleso. Genauso wie früher ist das campieren auf der Terrasse für Bergsteiger erlaubt, die ja bereits vor den ersten Sonnenstrahlen zu ihren Gipfelzielen aufbrechen.

Unsere Abendkocherei war gerade vorbei und wir hatten unsere Schlafsäcke bereits gerichtet, als wir im Wald etwas poltern hörten. Anja und Uwe lagen schon in ihren Schlafsäcken. Also machte ich meine Stirnlampe an und schaute mal hinter den Fichten nach. Ein Blick ... – abhauen – war meine erste Reaktion. Besuch aus dem Wald. Ein etwas größerer Gast kündigte mit Brummen seine Ankunft an. Ich rief den Zweien zu: „Ein Bär!“ – Keine Reaktion, sie dachten halt das gute slowakische Bier hatte bei mir seine Wirkung getan. Ungläubig leuchtete Uwe mit seiner Stirnlampe dann doch in den Wald. Tatsächlich ein Braunbär kam auf die Terrasse zugelaufen. Bald trennte uns nur noch ein ca. 1 m hoher Eisenzaun vom Bär.

Anja lag schon längst nicht mehr in ihrem Schlafsack. Sie stand nun mit meiner Kamera hinter mir. Als der Bär über den Eisenzaun kletterte gingen wir zur Flucht über. Hinter uns krachte es nur noch und der Zaun brach unter seiner Last zusammen. Wenige Sekunden später war unser Nachtlager und unsere gesamte Ausrüstung im Besitz des Bären.

Ich schlich mich vorsichtig außen am Geländer der Terrasse entlang, bis ich unser Schlaflager überblicken konnte. Der Bär hatte es sich auf Anjas Schlafsack gemütlich gemacht und ließ sich unseren Proviant schmecken. Lautes rufen nützte nichts, so leicht lässt sich Meister Petz nicht aus der Ruhe bringen. So musste ich also zusehen, wie unsere Essensvorräte im Maul des Bären verschwanden. Sogar Wurstdosen, die noch geschlossen waren, konnte unser Kollege aufbeißen und ausschlecken.

Ein paar Fotos konnte ich aus meiner Position schießen und war dabei ständig zum Absprung auf den Weg 4 m unter mir bereit. Plötzlich war unserem Gast mein schreien doch zuviel und er erhob sich und wankte auf mich zu. Ein Sprung auf den Weg war unvermeidlich. Blick nach oben, dort stand der Bär.

Im selben Moment kamen Anja und Uwe mit 10 jungen Slowaken aus dem Hotel gerannt. Jeder hatte sich mit einem Stuhl von der Kaffeeterrasse bewaffnet. Ein paar Leute warfen die Stühle in Richtung Bär. Etliche Bestuhlung ging dabei zu Bruch, ehe Meister Petz die Terrasse in Richtung Wald verlies. So konnten wir unsere Sachen schnappen und uns im Hotel in Sicherheit bringen. Ein Trunk auf den Bär mit unserer „Bärenvertreibungsmannschaft“ war selbstverständlich.

Noch die halbe Nacht lang konnten wir den Bär vor dem Hotel sehen. Drei Müllsäcke waren für ihn bestimmt, dachte er sich. Wir standen noch lange auf der Terrasse und beobachteten, wie er sich ohne Scheu an seinem Bufet bediente.

 

 

Am nächsten Morgen sah es draußen aus wie auf einem Schlachtfeld, zerrissene Müllsäcke, kaputtes Terrassenmöbel, zertrampelter Gartenzaun. So ein Zwischenfall ist höchstwahrscheinlich äußerst selten, sonst hätte man uns ja nicht auf der Terrasse schlafen lassen.

Das war unser Start zum Zabi Kon. Weiter ging es hoch zur Rysi-Hütte. Sie wird nach den Lawinenzerstörungen der letzten beiden Jahre wieder aufgebaut, ist aber trotzdem geöffnet. Für uns folgten zwei Tage lang Versuche am Zabi Kon, die aufgrund der unstabilen Wetterlage und unserem Respekt vor diesem gigantischen Felszahn vereitelt wurden. Somit endete unsere Klettertour mit Wanderungen am Rysi und an der Vysoka.

Trotzdem war dies für uns ein geniales Bergabenteuer und wir fahren wieder in die Hohe Tatra, das steht fest.

 

Reiko Dürr und Anja Wolf

 

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